Einführung in die (kostenfreie) digitale Soundmanipulation mit der Freeware "Kristal Audio Engine" unter WindowsMan kürzt es auch DSP (= Digital Sound Processing) ab. Kristal AE ist eine ASIO- und VST-fähige Aufnahmesuite die bei
http://www.kreatives.org/kristal frei downloadbar ist. Für diese kleine Einführung brauchst Du Folgendes:
1. Einen PC mit korrekt eingerichteter Soundkarte. Es reicht ein alter Pentium 600 mit etwa 512 MB Arbeitsspeicher. Soundkarte sollte schon sein. Ein mainboardintegrierter Soundchip dürfte aber zur Not auch gehen. - Ich habe mal auf dem Sperrmüll eine Terratec EWS 64 XL Soundkarte gefunden (war 1998 ein semiprofessionelles Gerät, das einige Hundert D-Mark kostete). Diese alte ISA-Slot Soundkarte arbeitet nur mit den terrateceigenen ASIO-Treibern zusammen und lässt sich dann nur auf eine Latenz von maximal 12 Millisekunden herunterschrauben, was fürs Live-Gitarrespielen nicht geeignet ist.
ISA-Slot? Das ist eine Steckkartenbuchse in alten PCs. Seit etwa zehn Jahren werden Soundkarten in PCI-Slots gesteckt. ISA-Slots gibt es nicht mehr.
ASIO-Treiber? ASIO ist eine Treiberspezifikation von Steinberg, die Soundbearbeitung in nahezu Echtzeit ermöglicht. Auf geeigneten PCs beträgt die Verzögerung zwischen dem trockenen Eingangssignal und dem bearbeiteten Ausgangssignal (= "Latenz") etwa 1 Millisekunde. Latenzen von unter 10 Ms sind für Musiker erträglich; 5 Ms sind schon gut; 3 Ms und weniger sind für die meisten Menschen praktisch nicht mehr wahrnehmbar.
VST? Eine weitere Steinberg-Soundspezifikation, die das komfortable Einbinden von virtuellen Effekten und Instrumenten ermöglicht. Kristal ist eine vst-fähige Recording-Suite.
2. Download: Bessere Soundkarten haben oft ihre eigenen ASIO-Treiber, die besonders gute, niedrige Latenzen ermöglichen. Für Soundblaster Live! und Audigy gibt es eine - sehr komplexe - Treibersoftware von
http://kxproject.lugosoft.com, die die Soundkarte maximal aufbohrt. Der Volkswagen unter den ASIO-Treibern ist
http://www.asio4all.com. Dieser ASIO-Treiber lässt sich mit nahezu jeder Soundkarte betreiben und ermöglicht meist erträgliche bis gute Latenzen.
Wie man diese Treiber installiert und einstellt muß man den Beschreibungen entnehmen. Also: rtfm und diy.
3. Download: Die unangefochtenen Stars unter den Ampsimulationen findet man unter
http://www.simulanalog.org/guitarsuite.htm. In der Suite finden sich ein erstklassiger Marshall JCM-900 und ein Fender Twin Amp. Daneben gibt es noch ein paar klassische Effekte. Von
http://www.digitalfishphones.com kommen gute Kompressoren ("Endorphin"), während
http://www.voxengo.com/product/oldskoolverb ein apartes Reverb hat. Leider gibt es nicht mehr die Speakersimulation OldCab2, die verschiedene Vox-, Marshall- und Fenderspeaker bot. Schaue Dich also selber um, was heutzutage an Speakersimulationen zu finden ist. Das beste Freeware-Aufnahmeprogramm ist m.E.
http://audacity.sourceforge.net.
4. Ein Kabel 6,3mm Monoklinke (Gitarre)auf 3,5mm Stereoklinke bzw. Cinch (Soundkarte Line-In). Da die Gitarre ein Monosignal liefert, sollte man bei der Stereoklinke den linken und rechten Kanal überbrücken. Ich glaube kaum, dass man ein solches Kabel kaufen kann. Man kommt also um etwas Lötarbeit nicht herum. - Mit einem solchen Kabel kann man nun die Gitarre direkt mit der Soundkarte verbinden. Je nach Empfindlichkeit geht man in Line-In oder den Mikrophon-Eingang. Aber Vorsicht! Bitte beim ersten Anspielen mit komplett heruntergefahrenen Reglern (der Windows-Lautstärkeregelung) beginnen und ganz langsam hochregeln, damit die Stereoanlage (oder was auch immer am Line-Out der Soundkarte ist) nicht kaputt geht.
Mir ist es zwar noch nicht passiert, aber es ist möglich, dass weder Line-In noch Mikro-In genügend laute, unverzerrte Sounds produzieren. Es kann sein, dass die Stereoanlage nicht mitmacht. Man kann dann mal Kopfhörer ausprobieren. Und nochmals ganz besondere Vorsicht! Bitte mit komplett heruntergefahrenen Reglern beginnen! Bei Kopfhörern geht es nunmehr auch um Dein Trommelfell!
Lässt sich auf diese Weise im "Trockenbetrieb" noch immer kein normaler unverzerrter Sound hinkriegen, so kann man wohl am besten eine andere Soundkarte ausprobieren. Vielleicht bekommt man den Impedanzenkram auch anders angepasst. Muß man mal sehen...
Los gehts:
- Installiere das ganze Zeugs und entpacke die VSTs (Simulanalog-Suite, Voxengo-Reverb und Fishfillet-Kompressoren) in ein Verzeichnis X:\VST (X steht für die Festplattenpartition, auf der Du deine Daten lagerst).
- Kannst Du den ASIO-Treiber aufrufen? Hoffentlich. Machs und versuche einen zunächst harmlosen Wert einzustellen. Auch wenn die Latenz dann hoch und schlecht ist. Es geht zunächst nur darum zu sehen, ob wir das ganze Ensemble überhaupt zum Laufen bringen. An die Grenze, wo die niedrigste Latenz zu Aussetzern und Verzerrungen führt, arbeiten wir uns später heran.
- Starte Kristal und rufe den Menüpunkt Engine - Preferences auf. Bei den Devices und dem Audio-Setup sollte der ASIO-Treiber auftauchen und aktiviert sein. Unter VST-Effects gibst Du dein X:\VST Verzeichnis an. Schließe Kristal AE und starte es neu. Deine Einstellungen sollten jetzt gespeichert und aktiv sein.
- Beende Kristal AE und starte Audacity. Bevor wir den Live-Modus von Kristal testen, checken wir zunächst einmal die Mix-Funktionen. Wir wollen zunächst mit Audacity das knochentrockene Gitarrensignal, so wie es ohne jeden Filter an der Soundkarte ankommt, aufnehmen. Wir legen eine 16 Bit Monospur mit 44,1 Khz oder 48 Khz (manche ASIO-Treiber arbeiten nur auf 48 Khz-Basis!) an und nehmen ein paar Sekunden furztrockenes Geklampfe auf. Das speichern wir dann als WAV-Sample "Test1.wav" ab.
Anmerkung: Natürlich hätten wir auch mit Kristal so eine Testaufnahme machen können. Es handelt sich schließlich um eine Recording-Suite. Ich finde aber dass es nicht schaden kann, wenn man gleich lernt, dass man beliebige WAV-Dateien in Kristal importieren und weiterverarbeiten kann.
- Starte jetzt Kristal. Die wesentlichen Fenster heissen "Waver", "Transport" und "Mixer". Im Mixer sollte links der "Audio-Output" auf unseren ASIO-Treiber weisen (der kleine Button "e" daneben, ermöglicht es, die Einstellungen des ASIO-Treibers noch einmal zu checken). Der "Audio-Input" sollte auf Waver stehen. Nun ja, nur dann sieht man auch das Waver-Fenster. Hier sieht man bei "Waver 1" ganz links einen aufgeklappten Ordner, der es uns ermöglicht, unsere Datei Test1.wav zu importieren. Das machen wir mal. Eine typische Sampledarstellung wird angezeigt.
- Jetzt verwandeln wir unser furztrockenes Geklampfe in leckeren Marshall- oder Fendersound. Widmen wir uns wieder dem Mixer: Im ersten Kanal (links) wird im Fenster unten Waver 1 angezeigt. Was wir hier jetzt an VST-Effekten einfügen, wird also auf das Testsample angewendet. Oben steht FX1 und in dem Fenster darunter "No FX". Klicke direkt in dieses Fenster. Es springt ein neues Fenster auf, das Dir eine Auswahl der zur Verfügung stehenden VST-Effekte anzeigt. Wähle bitte das VST "Rednef Twin" aus (rate, was es ist

). - Im kleinen Anzeigefenster wird jetzt "Rednef Twin" angezeigt. Das kleine "e" ist orange, was bedeutet, dass Dir die Rednef-Twin-Konsole angezeigt wird. Das kleine Schalter-Symbol neben dem e ist hellblau und geschlossen, was bedeutet, dass die Twin-Simulation aktiv ist. Unten links beginnt im Fenster "Performance" ein grünes Flackern, das Dir die Auslastung des Prozessors anzeigt. Jetzt laden wir bei FX2 noch den Voxengo OldSkoolVerb. Das grüne Flackern bei Performance nimmt noch etwas zu. Direkt unter FX2 befindet sich ein parametrischer EQ. Wer an seiner Gitarre aktive Elektrik hat, erkennt darin ein State Variable Filter, der extreme und vielfältige Soundtönungen zulässt.
- Ganz rechts im Mixerfeld befindet sich der Master-Kanal, der weitere drei VSTs einklinken kann. Aber wir wollens mal nicht übertreiben. Wir mixen zunächst einmal einen Sound, indem wir mit den Reglern des Twin, des Reverbs und des EQs spielen. Gehe dann zurück zum Waver-Fenster. Direkt über dem Sample ist eine Skala in die Du gleich klickst. Per Strg + rechte Maustaste und Strg + linke Maustaste wählst Du den Bereich aus, der bearbeitet werden soll. Dann gehe ins Menü File - Export Mixdown. Ein Fenster tut sich auf, das Dir ermöglicht, Speicherort, Dateityp, Channelart (wähle bitte Mono) und Bit Depth (16 Bit) zu wählen. Nachdem Du alles benannt hast, fängt Kristal an, das Sample umzuwandeln und als Fender-Wetsound abzuspeichern.
- Jetzt zum Live-Spiel. Wenn das bisher alles funktionierte, dann musst Du für den Echtzeit-Livesound nur Folgendes machen: Gehe in den Mixer links auf Audio Input 1 und klicke in das Fenster, wo zur Zeit noch "Waver 1" steht. Ein Auswahlfenster tut sich auf. Wähle jetzt "LiveIN". Der Waver verschwindet, und das LiveIN-Rack öffnet sich. Im obersten Fenster steht noch "Not connected". Klicke dort hinein und wähle Deinen ASIO-Treiber. Der sollte jetzt sowohl hier, als auch im Mixer, Kanal 1, Fenster unten, angezeigt werden. Im Idealfall kannst Du jetzt bereits Dein Gitarrenspiel live und per VSTs gefiltert hören. Wahrscheinlich wirst Du eine fiese Latenz von 20 oder 30 Ms haben, so dass Du quasi mit Echo spielst. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Du an Deinem ASIO-Treiber herumschrauben musst (unten links "Audio-Output", kleines "e" anklicken). Viel Glück dabei. Ich habe eine alte Soundblaster Live! (12 Euro von Ebay), die ich mit Lugosofts ASIO-Treibern auf eine sehr gute Latenz von 2,66 Ms herunterschrauben kann.
Ok. Thats all. Toitoitoi. Bitte stellt mir keine Fragen zu spezieller Hardware. Ich kenne mich gerade mal halbwegs mit meinem alten Zeugs aus. Auch die Software kenne ich eigentlich nur gerade mal so gut, wie es bei mir reichte, den ganzen Kram zum Fliegen zu bringen. Also: Read The Fucking Manuals und schaut in die Foren.
Schönen Gruß,
vrooom